Eine moderne Hexe
- Mrs. Linda
- 28. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Was ist eigentlich eine Hexe? Eine böse Alte, die obskure Dinge geschehen lässt, der man lieber nicht begegnen will? Eine, die Kräuter sammelt und daraus allerlei Tinkturen herstellt und Salben rührt? Hat sie Warzen im Gesicht und einen Buckel, der sie so krumm macht, dass man die Warzen nicht mehr sehen kann? Legt sie einen Fluch oder Bann, wenn man ihr doch in die Augen blickt? Oder ist sie vielleicht jung und hübsch, mit einem Lächeln um ihren Mund und einem beseelten Wesen, mit leuchtenden, tiefgründigen Augen, so dass die Leute ihren Blick suchen.
Mein Kind ist überzeugt, dass ich eine Hexe bin. Und das kam so:
Natürlich habe ich einen lieben Schatz. Natürlich zanken wir uns auch mal. Natürlich tue ich dann Dinge, die er nicht versteht. Wenn wir ausgezankt haben und einander wieder zuhören können, versteht er die Dinge, die er vorher nicht verstanden hat. Vielleicht deswegen, vielleicht aber auch, weil sein Blick verschleiert ist, sieht er in mir eine Hexe. Er glaubt, weil ich unserem Sohn abends zum Einschlafen Hopfentee koche, wäre ich eine Kräuterkundige. Und dann stehen da, quasi als weiteres Indiz, je ein Topf mit Petersilie und Schnittlauch auf der Fensterbank. Aber ehrlich, ich liebe es, das Wort „Hexe“ aus seinem Mund zu hören. Da schwingt so viel Ehrfurcht und Begeisterung für das Unbekannte (also das Weibliche) mit. Manchmal, wenn er nicht so sehr bei mir, sondern irgendwo, sagt er „Mausi.“ Das verstört mich. So lieb, so klein, so grau. Ein Beutetier. Meistens merkt er das, und verbessert dann: „Hexi.“ Das kann ich akzeptieren. Auch wenn mich das „I“ am Ende ein bisschen stört.
Am Samstag haben Papa und Sohn mit der neuen Feuerwehr gespielt. Sie ist toll. Man kann die Türen aufmachen, den Schlauch abrollen, mit Wasser spritzen, die Sirene heulen lassen (gar nicht toll) und natürlich die Leiter ausfahren und drehen. Irgendwie waren sie übermütig, und die Leiter ist abgebrochen. Und der Papa kam mit diesem schuldbewussten Blick. Unser Sohn fand das gar nicht schlimm. „Na und. Die Mami ist doch eine Hexe. Wir fragen sie einfach mal, ob sie uns das wieder ganz hext.“ Ich muss mich aus der Bedrouille ziehen. „Ob ich soo gut hexen kann?“ Aber ich werde es versuchen. Die untere, breite Leiter ist auf einer Seite gebrochen, und die schmale Leiter zum Ausfahren hat mehrere lose Sprossen. Das wird schwer. Man wird die Leiter wohl nicht mehr ausfahren können. Ich füge die Teile zusammen um zu sehen, ob es passt, oder vielleicht ein Stück zwischendrin fehlt. Ich werde erst die schmale Leiter kleben, und 24 h trocknen lassen. Wenn es hält, kann ich morgen mit der breiten Leiter weitermachen. Im Schubfach finde ich noch eine halbleere Tube UHU-Alleskleber. Wenn ich geduldig genug bin und die Teile lange genug zusammen presse, könnte es halten. Ich streiche die Bruchstellen mit Klebstoff ein und lass ihn ein bisschen antrocknen. Mein Sohn guckt mir über die Schulter und bemerkt: „Puh, das stinkt. So richtig giftig!“ Und zum Papa: „Komm lieber mit ins Kinderzimmer, jetzt hext die Mami.“
Es hat gehalten. Ich kann nun die Bruchstellen der breiten Leiter mit dem giftig stinkenden Klebstoff bestreichen, die schmale Leiter einfügen. Die Bruchstellen der breiten Leiter drücke ich zusammen und ermahne mein Kind: „Jetzt müssen wir wieder einen Tag warten, dann sehen wir, ob es hält.“
Am Montag nach dem Kindergarten der große Moment. Wir schauen nach der Feuerwehr. Ganz vorsichtig, richtig ehrfürchtig. Lucas berührt vorsichtig die Leiter. Drehen lässt sie sich noch. Und wenn wir vorsichtig genug sind, kann man die Leiter auch einen Zentimeter ausfahren. Mehr lieber nicht.
Aber mein Kind ist nun erstrecht überzeugt, dass ich eine richtige Hexe bin. Stolz erzählt er, wie die Mami gehext hat, und wie das gestunken hat, und wie lange die Feuerwehr nicht angefasst werden durfte.
Ja, meine Mami ist eine richtig tolle Hexe!








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