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Krankenhauserinnerungen

  • Mrs. Linda
  • 28. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

1984 in Ostberlin


„Und dann hab ich die leere Pumpe zurückgebracht. Die Schwester hat sie beiseite geschoben und mich in den Arm genommen. Dann haben wir BEIDE geweint.“

Langes Schweigen. Irgendwann bricht die alte Frau das Schweigen. „Ich habe gerade auch meine Tränen runtergeschluckt. Ach, so ein schweres Schicksal, das Sie da haben…“


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Ich bin 12 Jahre alt und muss wegen einer Blinddarmoperation 5 Tage im Krankenhaus bleiben. In einem Dreibettzimmer liegt links neben mir eine alte Frau, rechts neben mir eine Junge. Mit der jungen Frau ist es oft lustig. Sie fragt nach meinen Geschwistern, meinen Eltern, meinen Freunden. Manchmal macht Sie Witze über meine Lehrer. Und wenn wir dann lachen müssen, sehen unsere Gesichter leicht gequält aus. So schnell verheilt die OP- Narbe nicht.


Die junge Frau hat viel zu erzählen. Und viel lieber, als mit ihr Witze über die Schule zu machen, höre ich ihr zu:


"Ich würde so gerne Kinder haben, erzählt sie. Und ich kann keine kriegen. Das ist so ungerecht. Es gibt Leute, die sind schlecht zu ihren Kindern, schlagen sie oder wer weiß was.

Wenn ich ein Kind hätte, wir hätten sooo viel Spaß. Ich würde so viel Quatsch mit meinem Kind machen. Aber ich kann keine Kinder kriegen."


„Und wenn Sie welche adoptieren?“ fragt die alte Frau. „Ach, das haben wir schon versucht. Was die da alles wissen wollen. Er hatte Westverwandschaft.“ sagt die junge Frau resigniert. „Dann kam die Scheidung. Wenn man geschieden ist, ist es doppelt schwer ein Kind zu adoptieren. Aber mit meinem jetzigen Mann wäre es so richtig toll, Kinder zu haben.“


Wenn irgendwo Frauen für etwas längere Zeit zusammen sind, kommen sie irgendwann auf Schwangerschaft und Kinder zu sprechen. Obwohl die Zuhörerschaft so verschieden ist, ich noch ein Kind, die alte Frau schon lange in Rente, erzählt uns die junge Frau uns Stück für Stück ihre Geschichte:


"Ich war vier mal schwanger. Vier mal ist es schiefgegangen. Vier Kinder tot geboren. Zwei nach sieben Monaten und zwei nach neun Monaten.

Das erste Kind kam nach sieben Monaten tot zur Welt. Da hab ich noch gedacht, weil es zu früh kam, kann das schon mal so sein. Und so schlimm das war, wir hatten Hoffnung auf das Zweite. Das war dann die erste Totgeburt nach neun Monaten. Und weil es ja zur richtige Zeit gekommen war, haben sie mich gefragt, ob ich versuchen würde, Milch abzupumpen. Und ich habe zugestimmt. Wenn Milch kommt, dann pumpe ich die auch ab. Warum nicht. Wenn mein Kind schon nichts mehr davon hat, gebe ich die Milch doch gerne anderen Kindern. So habe ich gedacht. Und dann haben sie mir abends die Milchpumpe gebracht. Mir gezeigt, wie der Motor angeht und wie man sie anlegt. Ein bisschen Milch kam auch, und ich hatte fast ein schlechtes Gewissen, weil es so wenig war. Aber sie haben mich gelobt, mehr muss am Anfang gar nicht sein. Am zweiten Tag abends war schon richtig was in der Flasche drin. Ich meinte, mich darüber freuen zu müssen, so viel Milch liefern zu können. Aber was war das für ein Gefühl in mir? Irgendwie beklommen. Ich wollte nicht darüber nachdenken. Erschöpft schlief ich ein. Am nächsten Morgen wachte ich mit diesem beklemmenden Gefühl wieder auf. Ich ging die Pumpe holen und hoffte, dass es dann besser wird. Setzte mich auf mein Bett und startete den Motor. Und als ich die Pumpe anlegen wollte, wurde aus meiner Beklommenheit Verzweiflung, die vollständig von mir Besitz ergriffen hat. Ich konnte die Pumpe nicht anlegen. Es ging nicht. Die Brust schmerzte, und es kam ein Tropfen Milch. Und noch viel mehr Tränen. Alle Tränen, die ich die letzten zwei Tage nicht geweint habe, kamen jetzt hervor. Die Verzweiflung schüttelte meinen ganzen Körper. Aus meinen Brüsten tropfte die Milch und ich habe sie einfach tropfen lassen. Auf mein Nachthemd, aufs Bett, auf den Fußboden. Nichts hab ich aufgefangen. Nicht einen Tropfen. Ich hatte keine Kraft mehr. Ich konnte nicht mehr an die anderen Kinder denken, die vielleicht meine Milch trinken würden. Ich hab einfach alles laufen lassen, die Milch und die Tränen. Bis es irgendwann von allein aufgehört hat.

Und als ich die leere Pumpe zurück gebracht habe, hat die Schwester sie beiseite geschoben und mich in den Arm genommen. Und dann haben wir beide geweint.

Als zwei Jahre später wieder ein Kind tot geboren wird, habe ich von vornherein gesagt, dass ich nicht abpumpe. Egal, was sie von mir denken. „Schon gut,“ hat der Chefarzt gesagt. „Wir hätten Sie auch gar nicht gefragt, weil es bei Ihnen schon das zweite mal ist.“


Auch wenn ich die Verzweiflung der jungen Frau erahnen kann, verstehe ich sie kaum, geschweige denn kann ich sie nachfühlen.


Trotz ihrer traurigen Geschichte lacht die junge Frau viel mit mir.

Wir werden am gleichen Tag entlassen. Es fühlt sich fast an, als sage ich einer Freundin lebewohl.


Irgendwann habe ich sie vergessen, die junge Frau und ihre traurige Geschichte und ihr Lachen.


Zwölf Jahre später bekomme ich mein erstes Kind. Was für ein wunderbares Gefühl, ein Kind zu stillen. Mit drei Monaten hat es sein Geburtsgewicht schon verdoppelt. Dafür hat es nichts weiter gebraucht, als mein Lächeln und meine Brust. Das Stillen ist Routine geworden. Während mein Kind trinkt kann ich lesen oder chillen. Nur einmal kurz die Seite wechseln, …. und als dann der kleine Mund gierig den Nippel ansaugt, laufen plötzlich Tränen. Von einer Minute zur anderen ist die Geschichte der jungen Frau wieder präsent. Sofort weiß ich wieder jede Einzelheit. Und jetzt kann ich die Verzweiflung und Trauer spüren. Nicht nur die Trauer um das tote Kind, sondern erst recht die Verzweiflung, die kommt, wenn die Milch fließt und das Kind nicht da ist, um sie zu trinken.

Zu viele Fragen überschlagen sich in meinem Kopf. Formulieren kann ich keine Einzige. Sondern ich spüre in die Verzweiflung und den Schmerz hinein….

Ich kann das tun ohne Angst. Wenn es mir zuviel werden sollte, kann ich jederzeit damit aufhören. Im Hier und Jetzt ist meine Welt in Ordnung. Ich habe mein Baby im Arm, und für uns gibt es nichts Selbstverständlicheres, als das intime Erlebnis des Stillens und gestillt werden.

So kann ich in aller Ruhe in diesen unendlichen Schmerz hineinspüren, und als der Schmerz am größten ist, fühle ich plötzlich eine tiefe, erfüllende Verbundenheit mit allem Leben, während die Milch fließt und mein Kind sie trinkt.

Und erst jetzt kann ich das Wunder, das in den drei Monaten zur Selbstverständlichkeit zu werden schien, annähernd begreifen und eine immer tiefer werdende Dankbarkeit dafür empfinden.



Berlin, 1997

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