Eine Partie Schach
- Mrs. Linda
- 28. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Lucas war das ganze Wochenende bei Oma und Opa. Jetzt, am Sonntagabend sind wir 3 wieder zusammen, sitzen im Wohnzimmer und Lucas holt das Schachspiel aus dem Regal. Es ist alt, 80-iger Jahre Stile. Ich hab es mal bei den Kleinanzeigen erspäht, die Leute sagten, es wäre ein Dachbodenfund gewesen und sie hätten keine Verwendung. Sie hatten ein Gummi um die Schachtel gemacht, damit sie beim Transport nicht auseinanderfällt. Wir haben das Gummi einfach immer wieder drum gemacht, wenn wir das Spiel ins Regal gestellt haben. Mittlerweile ist es wohl porös geworden jedenfalls, als Lucas das Spiel aus dem Regal nimmt, stellt er fest: „Gar kein Gummi drum.“ Noch bevor ich schmunzeln kann, ob der anderen Deutung die wir Erwachsenen bei einer solchen Aussage sofort sehen, sprichst du es aus: „Heute Mittag war auch kein Gummi drum!“ Uuups stimmt, wir hatten heute Mittag Sex. Ungeschützten Sex. Hat Dich das die ganze Zeit beschäftigt?
An unserer Laube und in dem kleinen Garten drum herum haben wir jede Menge zu tun. Nach Feierabend lohnt es nicht herzufahren, bei einer Stunde Fahrtweg. So bleiben uns nur die Wochenenden. Du wolltest am Samstag nach der Arbeit lieber nach Hause, um noch ein paar E-Mails zu schreiben. Also fahre ich dich zum Zug, um morgen früh nochmals die Arbeit im Garten zu unterbrechen, und dich wieder vom Zug abzuholen.
Jetzt, am späten Sonntag Vormittag, stehen wir hier in unserer Laube in der Küche und können doch nicht loslegen. In jedem von uns beiden brodelt es. Dabei hatte ich mich auf dich im Garten gefreut. Dabei hattest du dich auf mich und den Garten gefreut. Und jetzt bin ich wütend, weil ich durch die Fahrerei so viel Zeit verloren habe, weil mein Vormittag unterbrochen wurde, von den vielen gefahrenen Kilometern ganz zu schweigen. Und du scheinst irgendwie verunsichert, weil du nicht verstehst, warum ich wütend bin. Und weil du Verständnis für deine Nachhausefahrt verlangst. Also stehen wir in der Küche und schreien uns an. Manchmal kommt bei mir ein bisschen Verständnis für dich. Manchmal akzeptierst du meine Argumente. Und während bei mir Verständnis wächst, merke ich, dass du meine Argumente nicht hören willst. Und während du meinen Argumenten zugänglich wirst, merkst du, wie mein Verständnis wieder verschwunden ist.
Meine Kraft, weiter zu diskutieren, schwindet. Meine Argumente werden schwächer. Ich lasse kein Verständnis meinerseits mehr zu. Stattdessen lasse ich zu, dass die starken Impulse aus meinem Herzen bemerkbar machen. Als ich sie nicht spüren wollte, war ich verunsichert. Jetzt kommen Sicherheit und Zuversicht zurück. Und anstatt auf deine Anschuldigung etwas zu erwidern, verringere ich die körperliche Distanz zwischen uns. Um sie gleich darauf wieder auf das vorherige Maß zu bringen. Das hat viel bewirkt. Du bringst nur noch eine halbe Anschuldigung. Und verringerst die körperliche Distanz zwischen uns. Um sie gleich darauf wieder zu vergrößern, aber nicht bis auf das vorherige Maß. Mein Argument ist jetzt wieder die Verringerung der körperlichen Distanz. Diesmal mit Körperkontakt. Lippenkontakt. Kurz und schnell, aber fest. Jetzt habe ich dich erreicht. Unser Wortwechsel geht noch weiter, die Sätze die wir sagen werden immer kürzer. Und nach jedem Satz gibt es Lippenkontakt. Kurz und schnell, aber fest. Es ist mehr ein begehrliches Schnappen als ein Küssen. Immer abwechselnd schnappen wir nach den Lippen des anderen. Und sehen uns in die Augen; unendliche Tiefe…. Ich muss nicht weiterdiskutieren. Ich weiß längst, dass es nicht ausdiskutiert werden kann.
Auch du diskutierst nicht weiter. Das ist ganz und gar untypisch für dich und ich bin unendlich froh, dass du nicht weiterdiskutierst.
Immer wieder bewegt sich der Körper des Einen auf den Anderen zu. Die Berührungen unserer Lippen sind kurz uns schnell, aber fest und emotionsgeladen. Als du dran bist mit Schnappen, schnappst du nicht. Du gehst einen Schritt weiter. Sex ohne romantisches Vorspiel, auch das ist ganz und gar untypisch für dich. Ein Quicky war bisher überhaupt nicht dein Ding. Im Moment bin ich bin froh, dass du diesmal nicht erst die romantische Schleife rausholst. Ich spüre deine starke Zuneigung, die sich mit meiner quasi potenziert. Das reicht locker für tollen Sex. Im Stehen, oder halb liegend auf der Arbeitsplatte der Küche; die Tür und das Gartentor stehen sperrangelweit offen….
Nach dem Quicky diskutieren wir nicht mehr. Jeder von uns weiß, dass er recht hat, und trotzdem von dem Anderen nicht verstanden wird. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wir wissen, dass jeder Verständnis für den anderen hat, das aber nie aussprechen wird.
Du hast mir mal von den Bonobos erzählt. Friedliche Menschenaffen am Kongo, die ihre Zwistigkeiten mit Sex bereinigen. Bei den Bonobos haben die Weibchen das Sagen.
„Gar kein Gummi drum,“ hat Lucas gesagt, und ich schaue zu dir und winke als Antwort auf deine Aussage ab. „Das macht doch nichts,“ sage ich zu Lucas. „Wenn das Schachspiel im Regal steht, kann doch nichts passieren.“
Und als wir die Figuren aufbauen, wirfst du ein: „Du musst mir den Eintritt verwehren!“ Uups, das kommt sprachlich sehr einfallsreich, aber was sagst du mir damit eigentlich? Ok, vielleicht ist es gut, wenn zumindest Einer einen kühlen Kopf behält. Beim Streiten. Nur was hat denn unseren sinnlosen Streit heute beendet? Wie haben wir denn einen Weg da raus gefunden?
Ich hab nicht überlegt, ich hab mich führen lassen.
Und du? Bist du nicht auch nur dem Weg gefolgt, der sich auftat? Nur weg von diesem blöden Streit, hin zu dem was wichtig ist im Leben.
Wäre es besser, vor jedem Schritt den man tut zu überlegen, abzuwägen was passieren wird,
wie bei einer Partie
Schach?

Kommentare